Ein Anruf, ein Mann und die bleibende Frage – ist heute alles anders?
- Carlina Anderes

- 23. Okt. 2020
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 10. Nov. 2020
Ich sitze zu Hause und habe mein Notebook zugeklappt. Mein Ritual, um für mich selbst den Feierabend zu zelebrieren. Ich stehe auf, laufe in den Garten und in diesem Moment klingelt mein Smartphone und die Freundin ruft an. Ich erkenne meist schon am ersten Ton, wie die Stimmung ist, kennt ihr sicher. Wir sprechen über dies und das und ich warte geduldig, bis sie endlich mit den Neuigkeiten rausrückt. Denn sie ruft nicht an, um zu fragen, ob es dem Hund gut geht. Ich wusste sofort, es geht um einen Mann.
Was ich bisher in Erfahrung brachte, der Mann ist neu im Leben von der Freundin. Er scheint interessant zu sein, nett und höflich. Hat gute Sprüche auf Lager (was für ein Pluspunkt). Er hat weder eine Ehefrau, eine schwierige Exbeziehung, Kinder noch sonstige offensichtliche „Herausforderungen“. „Der könnte ein absoluter Glückstreffer werden“, denke ich mir. Dann fängt sie an zu erzählen.
Kennengelernt haben sie sich vor kurzem, bei einem Fest. Sie schrieben sich anschliessend einige Tage und am Montagabend verabredeten sie sich für das kommende Wochenende. Dazwischen liegt eine angebrochene Arbeitswoche. Zum Abschied am Montagabend schrieb er per Whatsapp Nachricht „die Zeit ohne dich wird schwierig, Küsschen“. Sie antwortete, dass er das sicher schaffen würde und das man sich am Freitagabend schon wieder sehen werde. Meine Reaktion darauf war ein „okay“. Das o wird dabei langgezogen, damit es mehr Wirkung erhält, denn wisst ihr, ein „okay“ ist immer gut, man möchte noch keine Stellung beziehen und doch signalisiert man, dass man zuhört. Ich bitte meine Freundin weiter zu erzählen.
Sie treffen sich am Freitagabend und meine Freundin hat sich wirklich sehr auf den Abend gefreut. „Er konnte die Finger nicht von mir lassen“, sagte sie genervt und ich denke mir, irgendwie romantisch. Ich konnte nicht Mal meinen Lippenbalsam aus der Tasche nehmen, ohne das er mich gehalten hat, die einzigen zwei Sekunden, welche ich für mich hatte, waren auf der Toilette. Das zweite „okay“, diesmal wurde das o noch mehr in die Länge gezogen.
Hups, hatte der in der letzten Zeit zu viel Corona Lockdown und infolgedessen keine körperliche Nähe erhalten und hat er sich alles an diesem Freitagabend zurückgeholt? Wie sie mir das alles so erzählt, kommt ein spontaner Input, übernimmt er den Frauenpart? Sind nicht Frauen öfter die, die Händchen halten und anfassen möchten? Mir bleibt keine Zeit, mir weiter über dies Gedanken zu machen. Sie hätten sich gut unterhalten, auch wenn er sie die ganze Zeit angefasst habe, doch als er dann zu vorgerückter Stunde anfing, mit Liebesbekundungen wurde es ihr doch ein wenig unwohl. „Ich hab dich lieb“ nach nicht Mal einer abgeschlossenen ersten Woche zu sagen, braucht entweder einen der äusserst seltenen „Liebe-auf-den-ersten-Blick“ Moment oder ein Mann mit Torschlusspanik. Obwohl dieses Phänomen in der Vergangenheit doch eher den Frauen zugesprochen wurde. Was sich möglicherweise als neu auch Männliches herausstellen könnte. Anderseits gibt ja auch Männer die eine Frau, einen ganzen Abend durchgehend halten.
Ich gehöre zu den Menschen, die mit Liebesbekundungen eher zurückhaltend sind und die Worte „ich mag dich“ oder sogar die Steigerung „ich liebe dich“ eher selten sagen und wenn, dann doch lieber mit Gesten. Die Freundin gehört auch zu dieser Sorte. Deshalb sind solche sehr direkten Liebesbekundungen, doch sehr überrumpelnd. Was sie geantwortet habe, wollte ich wissen. Sie meinte nur, nett gelächelt, denn sie hatte ja Interesse ihn kennenlernen und herausfinden, ob sie ihn lieb haben könnte, doch er ist schon bei der Namensgebung der gemeinsamen Kinder angekommen. So wie sie mir das alles erzählte, stellen sich mir die folgenden Fragen: Wo bleibt den das Daten, sich auf ein Treffen freuen, nervös sein, sich kennenlernen, nach Hause bringen und vor der Haustüre zum Abschied geküsst werden – wo sind all diese Gentlemans?
Falls noch ein Mann da draussen ist, der gerne jemanden kennenlernen möchte (auf die altmodische langsame Tour)– bitte bei mir melden. Ich verkupple gerne! #jawohl










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