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Wenn der Sonntag schon müde ist

Autorenbild: Carlina Anderes
Carlina Anderes
14. Juli
2 Min. Lesezeit
Frau im Büro mit Blick auf Zürich am Sonntagabend, nachdenklich zwischen Arbeitswelt und Sehnsucht nach einem anderen Leben

2015 hatte ich einen Job mit einem Titel, den man damals noch bewundert hat. Business Consultant. Auf Deutsch Unternehmensberaterin. Die Blicke sagten wow, sie hat einen tollen Job, sie hat etwas erreicht.


Ja, was hatte ich genau erreicht.


  • Viele Stunden an Powerpoint Slides gebastelt.

  • In Freigabeprozessen festgehangen.

  • Sharepoint Projekte aufgesetzt.

  • Immer auf Abruf gewesen, Smartphone als Arbeitswerkzeug, von der Firma bezahlt.

  • Die schlechteste Work Life Balance gehabt.

  • Nicht gelobt worden, sondern durch Kritik gefördert worden (funktioniert bei mir schlecht).

  • Immer unterwegs gewesen.


Was das mit einem macht. Es laugt aus. Tag für Tag. Irgendwann wurde der Sonntag anstrengend, weil ich gedanklich schon wieder in der neuen Woche gehangen bin. Weil ich wusste, da kommt eine Arbeitslast, die fast nicht zu bewältigen ist.


Damals war ich noch in der Phase, wo ich performen wollte. Anerkennung von aussen. Ein Lob. Einen Karriereschritt weiterkommen. Also habe ich alles gegeben. Und dann habe ich gekündigt.


Es war ein Prozess. Prozesse brauchen Zeit. Für Findung, für Resilienz. 2018 ging ich selbstständig raus. Ich bin noch immer Beraterin für Struktur und Prozesse. Oder Unternehmensberaterin. Oder Coach. Welcher Titel auch immer. Titel haben an Glanz verloren. Der Mensch dahinter zählt.


2018 war der Schnitt. Heute ist das Bild nicht ganz anders, nur ein bisschen.


Heute sind alle Consultant, Coach, Management irgendwas, Manager oder irgendetwas mit Chief. Wir sind noch immer eine Gesellschaft, die sich über Rollen definiert. Status is Key.

Wir posten stolz auf LinkedIn unsere Zertifikate, Diplome, Abschlüsse und Rollen. Meistens nicht, um zu zeigen schau, ich habe etwas Spannendes gelernt, da kann ich dich unterstützen. Viel öfters mit dem Gedanken ha, jetzt habe ich etwas mehr gesammelt. Noch ein Badge, noch ein Titel, noch ein Kurs.


Auf Instagram wird der erfolgreiche Alltag bildlich dargestellt. Auto. Urlaube. Essen in teuren Restaurants. Luxusgüter wie Kleider, Uhren und Schmuck.

Ist das die Definition von Erfolg.


Vor vielen Jahren hatte eine Regionalbank in der Schweiz eine Werbung, in der sie ihre Kundinnen und Kunden gefragt hat, was für sie Erfolg bedeutet. Für jeden war es etwas anderes. Heute wirkt es, als wäre uns das abhandengekommen. Erfolg wird von einem Narrative vorgegeben und viele wollen nacheifern. Eine Schablone, ein Raster, eine Checkliste. Doch braucht es das wirklich so.


Ich habe viele Ausbildungen, Weiterbildungen, Kurse im Bereich Organisationsentwicklung, Führungscoaching und ähnliches gemacht. Bis ich gemerkt habe, ich lerne immer wieder dasselbe. Einfach ein bisschen anders verpackt. Vielleicht verrät das etwas über die Branche, in der ich arbeite. Es gibt so viele Methoden, doch nicht jede ist passend für jeden.


Also einen Schritt zurück.

  • Wer bin ich.

  • Was will ich sein.

  • Wofür stehe ich Tag für Tag auf.


Diese Gedanken liebe ich. Was wäre, wenn ich nicht von Geld abhängig wäre. Würde ich den ganzen Tag schlafen, lesen, basteln, kochen, zeichnen, mich bewegen, gärtnern, zimmern oder schreiben. Würde ich noch immer mit Menschen sprechen und Systeme und Strukturen hinterfragen.


Und du. Wenn du deinen Titel, deine Zertifikate, dein Auto und deinen Sonntag aus der Gleichung nimmst, was bleibt für dich als Erfolg übrig.

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Carlina Anderes

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